büro für bauform

Um zwei Geschosse stockte der Architekt das kriegszerstörte Haus für seine Familie auf. Statt eines Daches entwickelt sich unter freiem Himmel ein Garten mitten in der Stadt, der allen Hausbewohnern zur Verfügung steht.

büro für bauform
90419 Nürnberg
Deutschland

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Nach Würzburg war Nürnberg die meistzerstörte Stadt Bayerns, die „Stadt der Reichsparteitage“ bot den Alliierten auch symbolisch ein wichtiges Ziel. In einer Bombennacht 1943 wurde nahezu der gesamte Straßenzug der Äußeren Großweidenmühlstraße in der Altstadt in Schutt gelegt. Das Gebäude Nr. 9 erlitt einen erheblichen Schaden ab dem zweiten Obergeschoss, nach dem Krieg wurde das zweite Obergeschoss notdürftig wiederhergestellt und ein Notdach montiert. Bis 2018 blieb das Haus in seiner Form unverändert. Heute vervollständigen zwei neue Geschosse die ursprüngliche Kubatur. Sie wurden in Stahlleichtbauweise aufgesetzt. Denn – das war dem Bauherrn Jürgen Lehmeier, der sowohl Innenarchitektur als auch Architektur studiert hat und im Erdgeschoss der Großweidenmühlstraße Nr. 9 sein „büro für bauform“ betreibt, wichtig: „Im Gegensatz zu vielen anderen Materialien wird Stahl seit jeher recycelt. Einmal aus der Erde geholt, zirkuliert Stahl mit einem Verlust von gerade einmal fünf Prozent bei gleicher Qualität und geringem Energieeinsatz. Die Einbauten können flexibel zukünftigen Bedürfnissen ohne Änderungen der Statik angepasst werden. Alle Materialien sind leicht zu trennen und können zum größten Teil so recycelt werden, dass qualitativ dasselbe Produkt in gleicher Qualität erzeugt werden kann oder dass die Entsorgung wie im Fall von Holz keine Belastung für die Umwelt darstellt.“ Auch die Tatsache, dass das Gebäude durchgängig bewohnt war, sprach für die Stahlkonstruktion, da sie eine schnelle Bauzeit und einen hohen Vorfertigungsgrad zulässt. Die Präzision, der digitale Prozess und die hohe Tragfähigkeit, die schlanke Querschnitte zulässt, sprachen ebenfalls für die industrielle Bauweise. Das Dach allerdings ersetzte Jürgen Lehmeier, der die beiden neuen Geschosse selbst mit Frau und Kindern bewohnt. Statt weiteren Wohnraum zu schaffen, setzt die Bauherrenfamilie bewusst ein Zeichen für Klimaschutz, Biodiversität und Gemeinschaft: Der Dachgarten mit seinem Rankgerüst, das die historische Mansardform des Dachs nachzeichnet, kühlt das Haus im Sommer und steht jedem Bewohner zum Anbau von Obst und Gemüse und selbstverständlich auch zur reinen Erholung zur Verfügung. Und natürlich, so Jürgen Lehmeier, genießen auch viele Nachbarn ihre neu gewonnene Aussicht. Bevor es aber so weit war, im September 2019, stellte sich dem Bauherrn und Architekten eine besondere Herausforderung: „Die eigene Diskussion über Materialien und den gesamten Entwurf“, so Jürgen Lehmeier, „ist zermürbend. Als Architekt für sich selbst zu bauen – ich glaube, es gibt nichts Schwierigeres!“ Einfach war hingegen sein Konzept für die Gestaltung der Innenräume: Die Einbauten können zukünftigen Bedürfnissen angepasst werden, alle Materialien können fast komplett wiederverwendet werden.