Das Jahreszeitenhaus

Das Urteil der Jury:

Schon Rem Koolhaas plädierte in gewohnter rhetorischer Drastik für mehr Eigenständigkeit der Architektur gegenüber dem baulichen Kontext. Das Haus am See in Werder bei Berlin zeigt, wie man sich diese Haltung zu Herzen nehmen und dennoch eine überraschende gesamträumliche Qualität schaffen kann. Harmonische Einpassung war angesichts der Heterogenität im Umfeld des Gebäudes – von einer Art-déco-Villa bis zu einem neogotischen Belvedere – auch keine Option. Die Architekten entschieden sich stattdessen für eine provokative, aber auch humorvolle architektonische Eigenständigkeit. Ein sperriges, aneckendes, charaktervolles Haus ist ihnen gelungen, das jedoch nicht auftrumpft, sondern den umstehenden Gebäuden ihre jeweils eigene Aura lässt. Die „Geschichte eines vorgefundenen Steines, der zu einem Haus umgebaut wurde,“ sollte erzählt werden. Richtig ist auf jeden Fall, dass hier eine Art narrativer Architektur entstanden ist. Dieser Bau erzählt eine Geschichte – und zwar die des Wohnens nach Jahreszeit. Die Kontrastierung der beiden Geschosse ist nämlich kein reines Schmuckelement, sondern repräsentiert eine nutzungstechnische Originalität: Das Gebäude wird in kalten Jahreszeiten anders genutzt als im Sommer. Während sich die Bewohner im Winter in das Gartengeschoss zurückziehen, kommen im Sommer Pavillon und Terrasse hinzu. Dies spart Heizkosten, greift aber zugleich die alte Kulturtechnik des jahreszeitabhängigen Wohnens auf – und verdeutlicht, wie flexibel Architektur genutzt werden kann, wenn sie selbst hinreichend Flexibilität mit sich bringt. Das Haus am See deutet eine Lässigkeit, eine Ästhetik des Zufälligen an – eine Ästhetik allerdings, hinter der sich ein sehr bewusst gestaltetes Raumprogramm verbirgt. Denn natürlich bietet das Haus am See im Inneren architektonische Qualität. Die Atmosphäre ist licht, nicht trutzig. Schön auch, wie die zentrale Holztreppe nicht nur das Erdgeschoss in Beton mit dem hölzernen Aufbau verbindet, sondern zugleich die Freude der Bewohner an Büchern offensiv zelebriert.

Jurek Brüggen Architekten, Kopp Sailer Architekten
14542 Werder
Deutschland

Galerie

Ein Haus ist ein Haus ist ein Haus. Das trifft in der Regel auf eine Immobilie zu. Wie der Name schon sagt: Sie steht unverrückbar an einem Ort und verfügt über eine feste Zahl an Quadratmetern. Beim Haus am See ist das jedoch anders: Es misst im Sommer 170 Quadratmeter, im Winter schrumpft es auf 85, im Herbst und Frühling bietet es 105 Quadratmeter. Jahreszeitenkonzept nennt das Architekt Jurek Brüggen. Vier Gebäude stehen bereits auf dem Grundstück, das auf dem höchsten Punkt der Insel Werder unweit von Berlin liegt: Ein neogotisches Belvedere, eine Art-déco-Villa, beide denkmalgeschützt, ein Stallgebäude mit neoklassizistischer Fassade sowie ein Bungalow aus DDR-Zeiten auf dem Nachbargrundstück. Einheitlichkeit sieht anders aus. Das neue Haus platzierte der Architekt im Hang, inmitten dieser vier Gebäude. Um dem historisch gewachsenen Ensemble zu begegnen, wählte er das Bild eines vorgefundenen, schon immer dagewesenen Steins, der zu einem Haus ausgebaut wird. Gefertigt wurde dieser Stein aus massivem Beton, der Ausbau erfolgte in Holz. Alle Konstruktionsmaterialien bleiben sichtbar; freistehende, hölzerne Trennwände unterteilen den Innenraum des Betonhohlkörpers. Innenliegende Holzfenster schützen vor der Witterung. Ein leichter, kleiner Holzpavillon sitzt auf dem betonierten Sockel auf, von der umlaufenden Terrasse blickt man auf die vorbeifließende Havel. Eine Holztreppe, die gleichzeitig als Bücherregal dient, verbindet beide Geschosse. Das Haus wird je nach Jahreszeit unterschiedlich genutzt: Im Winter ziehen sich die Bewohner in das Gartengeschoss zurück, im Sommer kommen Pavillon und Terrasse hinzu und verdoppeln die Wohnfläche. Durch Falttüren wird der Pavillon im Sommer geöffnet und in den Übergangsjahreszeiten geschlossen, ein horizontales Schiebefenster trennt ihn im Winter vom Gartengeschoss. Die mobile Küche wandert mit den Bewohnern. Die sich verkleinernde Wohnfläche spart im Winter Ressourcen, Bau- und Heizkosten. Die Dämmung ist auf das Gartengeschoss reduziert, Nord-, Ost- und Westseite sind in den Hang eingegraben, durch die Erdschicht wird das Haus zusätzlich isoliert. Die Abwärme des beheizten Erdgeschosses ermöglicht es zudem, den Pavillon in kalten Jahreszeiten als Wintergarten für die Pflanzen zu nutzen. Der geschlossene, nicht beheizte Raum wird im Winter zur weiteren Isolationsschicht für das Gartengeschoss.