Dorfschönheit

Das Urteil der Jury:

Das Appenzeller Mittelland ist ein wunderbares Fleckchen Erde. Herrlich thronend auf einem der zahlreichen Hügelkuppen, umringt von grünen Wiesen und weiten Wäldern liegt Trogen. Am Rande dieses geschichtsträchtigen Schweizer Dorfes, das ab dem 16. Jahrhundert durch den Verkauf von Webereien und Stickereien einen gewissen Wohlstand erreichte, hat Bernardo Bader ein Einfamilienhaus mit großer Selbstverständlichkeit an den Rand der gewachsenen Dorfstruktur gesetzt. Der Vorarlberger Architekt spricht bei seiner Arbeit oft von „poetischer Normalität“; er will die Qualität des Alltäglichen sichtbar machen. Diesem Anspruch wird auch das Haus am Schopfacker in Trogen gerecht. Der Baukörper ist unverkrampft und mit Logik aus der Tradition des historischen und des landschaftlichen Kontextes abgeleitet. Als selbstbewusster Solitär steht das Haus an beinahe derselben Stelle, an der 2011 die alte Liegenschaft durch einen Brand praktisch vollständig zerstört wurde, und es bildet markant den Auftakt oder auch den „Schlussstein“ zur dichten, hochaufragenden Siedlungsstruktur des Ortes mit seinen traditionell schmalen Gassen. Das als Passivhaus konzipierte Projekt steht auf einem Betonsockel, der scheinbar unverrückbar in der Hanglange verankert ist, und entwickelt sich kompakt als Holzelementbau über drei Geschosse. Im Parterre befindet sich eine alters- und behindertengerechte Einliegerwohnung mit einem klar gestalteten und gut funktionierenden Grundriss, inklusive einer Loggia. In den zwei Obergeschossen breiten sich die Räumlichkeiten des „Einfamilienhauses“ aus, wobei direkt unter dem Walmdach der wohltuend offene Wohn-, Ess- und Kochbereich eingefügt ist. Im Gegensatz zum Äußeren, wo die Materialien Holz und Glas das Erscheinungsbild bestimmen, prägen Holz und Beton die Innenräume. Im ganzen Haus sind die Sichtbezüge zum Dorf und über die hügelige Landschaft bis zum Bodensee mit viel Bedacht ausgearbeitet. Die unterschiedlich großen Öffnungen sowie die beiden Loggien der Einliegerwohnung und des Einfamilienhauses bilden stimmige und vielschichtige Ein-, Durch- und Ausblicke. Das Projekt von Bernardo Bader funktioniert als stimmige Einheit mit dem Ort und ist überzeugend mit der Landschaft des Appenzells verwoben. Und wie bei allen Projekten des Vorarlberger Architekturbüros ist auch das Haus am Schopfacker bis ins Detail konsequent durchgearbeitet und handwerklich vorbildlich ausgeführt.

Bernardo Bader Architekten
6900 Bregenz
Österreich

Galerie

Ab dem 16. Jahrhundert bis zur industriellen Revolution wurde Trogen im Kanton Appenzell Ausserrhoden durch den Verkauf von Webereien und Stickereien wohlhabend. Vor allem die Zellweger-Familie, die mit dem Leinwandhandel zeitweise ein Vermögen machte, setzte auch architektonische Maßstäbe: Einige ihrer Paläste stehen auf der Liste der Kulturgüter von nationaler Bedeutung. Trogen gehört zudem zu den 27 schönsten Dörfern der Schweiz und zu den 500 schönsten der Welt. Als 2011 das Haus am Schopfacker durch einen Brand vollständig zerstört wurde, war klar, dass an den Ersatzbau besondere architektonische Maßstäbe gelegt werden mussten: Das Grundstück liegt mitten in der Ortsbildschutzzone, die Förderung von Architektur ist in der Qualitäts-Charta des auszeichnenden Vereins „Die schönsten Schweizer Dörfer“ festgelegt. Die Bauherren lobten daher einen Wettbewerb aus und vergaben den ersten Preis sowie den Auftrag an den Österreicher Bernardo Bader. Von den geforderten zwei Gebäuden stellte sein Dornbirner Büro nun im ersten Bauabschnitt den dorfseitigen Baukörper fertig. Das neue Wohnhaus mit Einliegerwohnung im Erdgeschoss ersetzt als selbstbewusster, viergeschossiger Solitär das ehemalige Hinterhaus des Bauernhauses und wird zum Schlussstein am östlichen Dorfrand, die Ausblicke reichen vom hügeligen Appenzell bis hin zum Bodensee. Neben der angemessenen Form und Setzung im Dorfgefüge und den besten Aussichten für die Bewohner des Hauses war Bernardo Bader zudem ein sparsamer und nachhaltiger Umgang mit Grund und Boden wichtig: Die hochwertige Gebäudedämmung und Minimierung der thermischen Gebäudehülle garantieren niedrige Betriebskosten, ökologische und robuste Baumaterialien lassen eine lange Nutzungsdauer erwarten. Der Bau ist als Passivhaus konzipiert, Sowohl im untersten Geschoss an der Nordseite als auch im Erdgeschoss auf der Westseite führen geschützte „Zugangsschöpfe“ zum Treppenhaus. Eine alters- und behindertengerechte Wohneinheit wurde ebenerdig untergebracht, darüber entwickeln sich bis unter das Walmdach die aussichtsreichen Räume des Einfamilienhauses. Holz und Glas bestimmen das Äußere des Hauses, Holz und Beton das Innere. Das heimische Holz, das unbehandelt sowohl an der Fassade als auch im Innenausbau verwendet wurde, knüpft an die traditionelle, lokale Baukultur an.