REICHWALDSCHULTZ

Das 1933 erbaute Spitztonnenhaus war sanierungsbedürftig und für die Bauherrenfamilie zu klein. Die Architekten entwickelten den Anbau in Anlehnung an das charakteristische Dach und dockten ihn quer an den Altbau an.

REICHWALDSCHULTZ
20149 Hamburg
Deutschland

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Das Spitztonnendach ist eine Sonderform des Tonnendachs. Wie der Name schon sagt, besteht es im Querschnitt nicht aus einem Kreissegment, sondern aus zweien, die sich am First gegeneinander lehnen. Im Gegensatz zum herkömmlichen Dachstuhl ist das Spitztonnendach freitragend, sorgt somit für mehr nutzbaren Raum unter dem Dach und kommt mit bis zu 40 Prozent weniger Material aus. Durchgesetzt hat sich diese Dachform nie, eine Blütezeit allerdings erlebte sie im Siedlungsbau der Zwischenkriegszeit. Berühmt wurde der Merseburger Stadtbaurat Friedrich Zollinger für das Zollingerdach: Es sparte nicht nur Platz und Material, sondern konnte auch von Laien mitmontiert werden. Auch das von einem Spitztonnendach überwölbte Haus in Hamburg, das Marc-Philip Reichwald und Peter-Karsten Schultz, die als REICHWALDSCHULTZ // ARCHITEKTUR & URBANISTIK von Berlin und Hamburg aus arbeiten, saniert und erweitert haben, stammt aus dem Jahr 1933. Die Bauherren kannten eine von den Architekten sanierte und umgebaute Siedlungshaushälfte von 1926 und wussten sich in den richtigen Händen: Zu viert lebt die Familie heute in dem durch einen Anbau ergänzten Altbau komfortabel auf gut 180 Quadratmetern Wohnfläche. Bis es soweit war, im Herbst 2020, so Peter-Karsten Schultz, „musste jedoch das Bauamt beziehungsweise der Stadtplanungsausschuss mit einem Abweichungsantrag vom Baurecht davon überzeugt werden, dass sich beide Gebäude freispielen dürfen, da sich Abstandsflächen sogar innerhalb eines Gebäudes eigentlich nicht bei so einer schmalen Baukörperfügung überlagern dürfen.“ Rechtwinklig legt sich der Anbau in den rückwärtigen Teil des Grundstücks, nach Westen entsteht ein geschützter Hof. Innenräumlich entwickelt sich das eingeschossige Spitztonnendachhaus „en miniature“ zum Zentrum des Familienlebens: Die bis zu 5,50 Meter hohe Gartenremise wird zum Kochen, Essen und Wohnen genutzt. Im Bestand bleibt daher nun Platz für einen großzügigen Rückzugsbereich. Die Kinder nutzen das Dachgeschoss für sich, mit eigenem Bad und dem darüber liegenden ausgebauten Spitzboden. Verbunden sind Alt- und Neubau durch einen Gang, der vom erhöhten Eingang über ein paar Stufen hinab in den Neubau auf die Gartenebene geleitet. Der Anbau wurde komplett in Holzrahmenbauweise vorgefertigt und zusammen mit drei segmentierten Tonnendächern an einem Tag aufgestellt und montiert. Die hinterlüftete Dachdeckung aus vorgebogenen Titanzinkbahnen harmoniert mit der Fassade aus vertikaler, gehobelter sibirischer Lärche, die silbergrau lasiert wurde. Die Fassade des Altbaus hatte durch nicht fachgerecht aufgeklebte Klinkerriemchen schweren Schaden genommen, sie wurde mit mineralischen Putzen und Silikatfarben erneuert, die originale Fensterteilung am straßenseitigen Südgiebel und der Kapitänserker wurden wiederhergestellt. Auch der Dachstuhl wurde komplett erneuert.